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L'Africaine - Vasco da Gama

Giacomo Meyerbeer 1791-1864

Grand opéra in fünf Akten
Text von Eugène Scribe
Erstaufführung der rekonstruierten Originalfassung am 2. Februar 2013, Theater Chemnitz; Uraufführung der Fassung von François-Joseph Fétis am 28. April 1865, Opéra, Paris

In französischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Einführung jeweils eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn im Holzfoyer
Audio-Einführung

Musikalische Leitung Antonello Manacorda
Vasco da Gama Michael Spyres
Selika Claudia Mahnke
Nelusko Brian Mulligan
Ines Kirsten MacKinnon
Don Pedro Andreas Bauer
Don Diego Thomas Faulkner
Der Großinquisitor von Lissabon Magnús Baldvinsson
Der Oberpriester des Brahma Magnús Baldvinsson
Don Alvar Michael McCown
Anna Bianca Andrew*

*Mitglied des Opernstudios

Zusammen mit Rossini und Halévy schuf Giacomo Meyerbeer in den 1830er Jahren in Paris das Genre der Grand opéra. In Deutschland gerieten die Gattung und ihr Protagonist durch Richard Wagners giftige Polemiken in Verruf. Anderthalb Jahrhunderte später erlebt Meyerbeer jetzt eine Renaissance — zumal sein letztes Werk erstmals in der rekonstruierten Fülle des ursprünglichen Materials zugänglich ist. Der exotische Stoff kreist um den Entdecker Vasco da Gama, dessen Sehnsucht nach fremden Erdteilen unstillbar ist. Nachdem ein erster Versuch, das Kap der Guten Hoffnung zu umsegeln, gescheitert ist, versagt der Rat der portugiesischen Admiralität ihm jedoch eine weitere Expedition. Dabei kann Vasco mit Selika und Nelusko, zwei in Afrika auf dem Sklavenmarkt gekauften Fremden, kundige Führer vorweisen. Der Großinquisitor lässt ihn wegen Gotteslästerung in den Kerker werfen. Ines, seine große Liebe, kann ihn nur befreien, indem sie sich auf die Heirat mit seinem Konkurrenten Don Pedro einlässt. Als dieser zu einer weiteren Entdeckungsreise aufbricht, folgt Vasco ihm mit einem eigenen Schiff. Am Ziel, im ersehnten fernen Land, werden die Eroberer von den Indigenen überwältigt. Den Eindringlingen droht der Tod. Da gibt Selika, jetzt wieder Königin ihres Volkes, Vasco als ihren Gatten aus und rettet ihn dadurch. Doch als sie spürt, dass er Ines immer noch liebt, entsagt sie ihrer Liebe, ermöglicht den beiden die Flucht und wählt den Freitod.

Großangelegte Chor-Tableaus, epische Dimensionen, virtuose Arien und Ensembles sowie affektgeladener Rezitativgesang, vom Orchester farbenreich begleitet, charakterisieren die Gattung Grand opéra, in der sich um die Jahrhundertmitte auch Verdi versuchte. Mit dem Stoff der Africaine beschäftigten sich Meyerbeer und sein Librettist Eugène Scribe fast dreißig Jahre lang. Die Oper blieb jedoch unvollendet und wurde 1864, ein Jahr nach Meyerbeers Tod, in einer von François-Joseph Fétis erstellten Fassung uraufgeführt. Erst 2013 machte das Theater Chemnitz unter dem Titel Vasco de Gama erstmals das vollständige Manuskript von Meyerbeer zur Grundlage einer Wiederentdeckung. Die Frankfurter Erstaufführung stützt sich ebenfalls auf diese Fassung, rückt aber in der Wahl des Titels die »Afrikanerin« in den Mittelpunkt, die eigentlich — eine Inderin ist.

(…) Ohne Zweifel wieder ein großer künstlerischer Erfolg für Frankfurts Oper. Und ein Markstein neuer Meyerbeer-Rezeption.

Hans-Klaus Jungheinrich, Opernwelt


(…) Ein exotischer Abenteuerstoff aus der französischen Romantik als „Science-Fiction“-Film-Verschnitt? Kann das gut gehen? Es kann –  erstaunlicherweise: Denn Tobias Kratzer erzählt den Plot ernsthaft, respektvoll – und verliert sich trotz ironischer Anspielungen auf diverse Filme und Gernseh-Serien nie im platten Parodieren. Ideengeber war für ihn das Raumfahrtprojekt der NASA, die 1977 zwei „Voyager“-Sonden ins Weltall schickte – beladen unter anderem  mit einer goldenen Schallplatte. Auf der sind die Errungenschaften der Menschheit in Ton und Bild gespeichert – falls sie mal von Außerirdischen gefunden wird. Auch Vasco hat eine solche goldene Platte im Gepäck. Selika wird sie ihm zurückgeben, bevor sie sich für ihn opfert – damit er frei sein kann. Danken wird er es ihr nicht. Denn am Ende geht Vasco auf Rachefeldzug gegen ihre Krieger – und stellt seine Eroberungs-Flagge auf. Das starke Schlussbild eines provozierend packenden Abends.

Ursula Böhmer, SWR 2 / Kultur aktuell


(…) Worauf Tobias Kratzer hinauswill, bleibt jedoch jederzeit erkennbar: Dunkel, ja schwarz scheint Meyerbeers Geschichtspessimismus auf, als habe der einen clash of civilizations schon ganz und gar vorausgeahnt. Szenisch tief beeindruckend gerät Kratzer das Ende, als Ines (hochvital: Kirsten MacKinnon) Vasco da Gama (tenoraler Felsen: Michael Spyres) zurückgewonnen hat – und die Prinzessin Selika in den Freitod geht. Was sie träumt, wird zum Bild: Vasco und sie entschweben innig verbunden in die Nacht. Gravity Reloaded.
Das alles verklärend nur zu singen wäre Dekadenz. Tobias Kratzer hingegen holt die Dinge auf den Boden zurück und zeigt im letzten Bild, wie Vasco da Gama weiter hohnlachend über Leichen geht und Landmarken setzt. Das ist die Wirklichkeit

Mirko Weber, Die Zeit


(…)  Michael Spyres ist ein idealer Vasco da Gama mit schön geführter Stimme, leicht anspringender Höhe, mit der Fähigkeit die Register nahezu übergangslos zu mischen, und hoher gestalterischer Intelligenz. Und auch Claudia Mahnke kostet die Spannbreite der Figur der Selika zwischen erwartungsvoller Erregung, eskapistische Begeisterung und schierer Verzweiflung voll und ungemein intensiv aus. Ihr gehören die anrührendsten Momente der Oper. Kirsten MacKinnon macht die Entwicklung der Ines deutlich, Brian Mulligan ist ein bullig-rauer Nelusko, Andreas Bauer ein kalkuliert-böser Don Pedro und Magnús Baldvinsson die Verkörperung des starrsinnigen Oberpriesters schlechthin. Zuverlässig sind auch die Chöre. Großes Kino im Frankfurter Opernhaus

Bernd Zegowitz, Die Rheinpfalz


(…) Auch das restliche Ensemble und die von Tilman Michael einstudierten Choristen sind handverlesene Teilnehmer des Frankfurter Raumfahrtprogramms. (…)

Joachim Lange, www.concerti.de


(…) Was für ein Vergnügen, solchen Sängern zuhören zu dürfen!

Reinhard J. Brembeck, Süddeutsche Zeitung


(…) ein enorm packender und überraschend kurzweiliger Abend besten Musiktheaters, der trotz einer Gesamtspieldauer von annährend fünf Stunden kaum Durchhaltevermögen verlangte. (…)

Jörg-Michael Wienecke, Das Opernglas


(…) Die ganz irdische Ausgrenzung des Fremden handelt Tobias Kratzer gleich am Anfang seiner Frankfurter Neuinszenierung von Giacomo Meyerbeers Oper Vasco da Gama ab. Da tobt eine Schülergruppe durch die Büroflure eines Weltraumzentrums, und es ist ausgerechnet der dunkelhäutige Junge, dem die anderen fies die Spielzeugrakete abjagen. Damit ist zugleich das Terrain markiert, in dem an der Oper Frankfurt die „Grand Opéra“ des in Paris Mitte des 19. Jahrhunderts so erfolgreichen Komponisten spielt. Denn Regisseur Tobias Kratzer verlegt die Handlung aus der Zeit des portugiesischen Kolonialismus weit in die Zukunft der Raumfahrt, deren szenisches Vokabular sich zugleich bestens vertrauter Anspielungen zwischen Star Wars und Mondlandung bedient. (…)

Axel Zibulski, Wiesbadener Kurier


(…) Zum tödlichen Finale aber tanzen dann Held und Heldin frei und leicht, von einem unsichtbaren Summchor und zartsüßen Trompetenterzen à la Mahler akkompagniert, ihren Pas de deux in Zeitlupe im luftleeren Raum, umgeben von der schwarzen Unendlichkeit des Alls, Herz an Herz. Das Orchester vibriert und swingt, alle Sterne zwinkern und blitzen.
Herzbewegend ist das, und auch ein bisschen kitschig. Sogar lächeln muss man, unter Tränen. Denn erstens ist diese große Monolog-Vision der sterbenden Selika, wie man inzwischen weiß, eine der dramaturgischen Vorlagen zu Isoldes Liebestod; zweitens können natürlich in einem Opernhaus die Seile, an denen die Doubles schweben, nicht wegretuschiert werden; drittens hört man deutlich, dass die farbenreich sich verströmende, gestaltkräftige Stimme der Mezzosopranistin Claudia Mahnke seitlich aus der Kulisse tönt und nicht von oben. Aber das macht nichts. Der Transfer der letzten Meyerbeerschen Grand Opéra ins Weltall funktioniert. Zudem wird das Zukunftspotenzial, das in der überschießenden Vielfalt der heroischen Musik Meyerbeers liegt, zumindest von den Bildern dieser Produktion nicht zugedeckt. (…)

Eleonore Büning, www.nzz.ch (Neue Zürcher Zeitung)


(…) Weit kühnere Spekulationen als wir ahnungslosen Opernbesucher stellte der in Frankfurt tätige Regisseur Tobias Kratzer an. Ganz sicher ist er ein Meister der klug arrangierten Metamorphosen. Er verwandelt und verwirbelt die Motivik der Opernhandlungen, ohne ihren Hauptnerv zu verletzen. Triftiges, ja Atemberaubendes kommt dabei heraus. Der Tod der Afrikanerin, im Gegensatz zu Wagner’schen Frauentoden eine gleichsam innerweltliche Erlösungstat (sie ebnet der Jugendliebe und den Kolonisationstaten des ruhmsüchtigen Portugiesen Vasco da Gama den Weg), wird nicht nur unter Laubfittichen, sondern auch noch als Vision im imaginären Weltraum zelebriert.
(…) Der mindestens ebenso viel Feingefühl wie Schwung benötigende musikalische Anteil der Frankfurter Wiedergabe war bei dem Dirigenten Antonello Manacorda (und gleichermaßen bei Tilman Michael, der die riesigen Chöre einstudierte) in besten Händen.
Während der Meyerbeer-Hörer im Opernsessel die musikalischen Ereignisse gleichsam hellwach und hochkonzentriert in kleinen Zügen genießt, zeigt sich die optische Präsentation doch gerne auch in schäumendem Drauflos. Kratzer geizt nicht mit Affekten, Effekten und starken Bildern.
Rainer Sellmaier stemmt fünf verschiedene Bühnenbilder für fünf Akte (in fast fünf Stunden), entwickelt aus immer wieder neu zusammengesetzten würfelartigen Bauteilen Szenerien, die man als Containerarchitektur bezeichnen könnte, die aber sehr elegant fungieren. Anfangs so etwas wie ein hochmodernes Kongressfoyer, im zentralen dritten Akt anstatt eines Schiffs im Sturm ein Raumschiff im kosmischen Gewitter, im vierten Akt – eine kleine interpretatorische Delle – ein etwas vertingeltes Südseeparty-Milieu.
Dann aber zum Schluss nochmals eine Aufbäumung und wunderschöne Science-Fiction-Abrundung mit den Ätherkörpern der edlen Selika und des transzendenten Vasco in geträumter Vereinigung (gedoubelt von zwei virtuosen Flugartistinnen). Große Oper und großes Kino in idealtypischer Liaison. Dazu werden spendabelst auch kinetische Mittel genutzt, als ziemlich wahlloses Geflimmer im vorletzten Akt freilich, umso pfiffiger aber im dritten Akt, wo auch allerlei Schabernack fällig ist mit geskypter Kommunikation zwischen dem Raumschiff und den weiblichen Angehörigen auf der Erde. Besonders witzig, wenn im Verlaufe eines Striptease die „Zensur“ waltet und die Projektionsfläche zur lautstarken Empörung an Bord schwarz wird. Lockerheit ist für Kratzers Arbeit ebenso kennzeichnend wie Präzision.
(…)
So erlebte man durchweg eine spannende Personenregie. Michael Spyres gab der Tenorpartie des Vasco großes, ja heldisches Format; zugleich ließ die kultivierte, idiomatisch sorgfältige, abgerundete Diktion keinerlei Anzeichen von Überanstrengung erkennen. Geradezu sensationell war die Begegnung mit der unerschöpflich reichen und frei strömenden Sopranstimme von Kirsten MacKinnon als Ines.
In weiteren wichtigen Rollen als Repräsentanten der „weißen“ Zivilisation: Andreas Bauer (Don Pedro) und Thomas Faulkner (Don Diego). Den portugiesischen Eroberern stellt das Libretto von Eugène Scribe die im Falle der Überlegenheit nicht weniger grausamen „Exoten“ gegenüber (Kratzer lässt sie im dritten Akt eher als Invasion blauer Marsmännchen erscheinen, in den beiden letzten als nicht genauer definierte Tropenwesen). Kratzer verschenkt die Pointe nicht, den imperial körpermächtigen „Afrikaner“ Nelusko ein paarmal autoritativ vor den portugiesischen Militär-Karikaturen aufzubauen (mit abgemessen wuchtiger Sonorität seines Baritons: Brian Mulligan).
Die insgesamt dominante und ergreifendste Gestalt war aber Claudia Mahnke als Königin Selika, die sich eine fremdartig-faszinierender Körpersprache elaborierte – fast ballettös über die Bühne gleitend wie eine gazellenhafte Katze, ein üppiger Puck, eine bodenverliebte schöne Schlange mit der eloquenten Hand-Arbeit einer indischen Tempeltänzerin. In allen erdenklichen Modulationen schimmerte, vom Schmerzerfüllten bis zum entmaterialisiert Glockenhaften, ihre betörende Mezzosopranstimme. (…)

Hans-Klaus Jungheinrich, Frankfurter Rundschau


(…) So also verläuft Begegnung mit dem Fremden! Statt Neugier herrscht Misstrauen, statt Respekt Angst, die rasch in Gewalt umschlägt – auf der Bühne wird gezeigt, was auch heute passieren kann, ohne dass ein pädagogischer Zeigefinger erhoben und in Libretto und Musik Meyerbeers eingegriffen werden müsste. Es gibt hier auch nicht die Guten und die Bösen, die emotional verarmten Weißen und die naturverbunden-edlen „Wilden“.
Beide Seiten verhalten sich ähnlich. Die „Blauen“ werden die Astronauten später genauso einfangen und niedermetzeln (…) wie es sich die Eroberer um den portugiesischen Ratsvorsitzenden Don Pedro (…) vorgenommen hatten. (…)

Andreas Bomba, Frankfurter Neue Presse


(…) Der Regisseur Tobias Kratzer und der Dirigent Antonello Manacorda haben überraschend wenig gekürzt. Das führt durchaus zu kleineren musikalischen Durststrecken, zeigt aber die dramatische Struktur sehr konturenscharf, zumal Kratzer sich dieser unterwirft, das filmisches Arbeiten quasi antizipierende Wechselspiel von weit aufgezogener Totale, intimen (Großaufnahmen-)Momenten und quasi halbtotalen Ensemblesätzen präzise herauspräpariert, ohne je aufdringlich zu werden. Das Ergebnis ist eine überraschend klare Lesart.
Wir sind in der Zukunft.  Rainer Sellmaier hat weiß dominierte Räume entworfen. Das Foyer einer großen Institution samt Konferenzraum im ersten, ein skurriles Laborgefängnis im zweiten Akt. Dann geht es in ein Raumschiff und die letzten Akte spielen auf einem fernen Planeten, inmitten undurchschaubar futuristischer Pflanzenzucht. Die Anordnung ergibt zwingend, dass die portugiesischen Seefahrer hier Raumschiffe steuern und die afrikanische, indische oder madegassische Titelheldin ein Alien ist, am ganzen Körper in eng anliegendes „Avatar“ – blau gewandet. Die Videos von Manuel Braun verleihen dem Ansatz zusätzlich Glaubwürdigkeit, verankern ihn mit dokumentarischen Zwischenakteinspielungen in der Realgeschichte und brechen das Konzept auch mal charmant auf, etwa anlässlich des Frauenchores im dritten Akt. Da zeigen die daheimgebliebenen Ehefrauen via Monitor dem Bordpersonal Kinderfotos und -zeichnungen und präsentieren ihre eigene Attraktivität.
Dringlichkeit gewinnt die Inszenierung vor allem dadurch, dass es Tobias Kratzer gelingt, das Stück durchgängig als Utopie wie als Dystopie zu zeigen, utopisch in der Fähigkeit der Titelfigur Selika zu Hingabe und Verzicht, die auch Teil ihrer gesellschaftlichen Sozialisation zu sein scheint. Die Aliens sind ein naives, freundliches, vegetarisches, mit erstaunlichen Kräften ausgestattetes Volk, in dem allerdings jenes repressive System von Politik und Religion sich gerade zu entwickeln scheint, das die westliche Gesellschaft bereits dominiert. So ist auch der kulturpessimistische Schlussakzent nachvollziehbar: nach der transzendentalen, transzendierenden Riesenarie Selikas unter dem giftigen Mazanillo-Baum kommt noch einmal Vasco da Gama und rammt seine Flagge in den Boden des Alien-Planeten. (…)

Andreas Falentin, www.die-deutsche-buehne.de


(…) Spektakulär gelungen ist auch die musikalische Seite dieses Abends. Antonello Manacorda hat mit dem Opernorchester ein Klangbild erarbeitet, das von französischer Clarté durchdrungen ist. Alles ist licht und transparent, deutlich und durchhörbar. (…) Wie beseelt und elegant zugleich doch die stark geforderten Holzbläser spielen! Wie fokussiert und schlackenlos die Streicher mit ihrem stark reduzierten Vibrato klingen! Wie unaufdringlich sich das Blech in raffinierten Registermischungen einfügt! Und wie apart das Schlagwerk eingesetzt wird! Manacorda erweist sich als Klangmagier mit kühlem Kopf, der Meyerbeer historisch genau verortet. Dieser Orchesterklang bereitet großen Genuss. (…)

Michael Demel, www.deropernfreund.de


(…) Gesungen wird die häufig auch vokalakrobatisch fordernde Oper Meyerbeers in Frankfurt auf berückend hohem Niveau: Michael Spyres ist ein Vasco voller tenoraler Wucht, Kondition und ohne jegliche Probleme in der Höhe, Kirsten MacKinnon eine glutvolle, dramatisch geschärfte Ines. Der klar fokussierte Bass von Andreas Bauer als machtvoller Don Pedro, auch Bariton Brian Mulligan als, nun gut, blauer Exot mit Gorilla-Statur (Nelusko) füllen ihre großen Aufgaben mehr als solide aus. (…)

Axel Zibulski, Darmstädter Echo


(…) Selika, eine darstellerische und sängerische Tour de Force, die Claudia Mahnke mit Bravour löst. In den Schlussakten, die Bühne dann in tiefes Blau getaucht, dreht sich alles um diese Selika, eine ans Innerste rührende, sich um Herz und Verstand singende, starke Frau, die den Freitod sucht unter dem todbringenden Manzanillo-Baum. (…)

Gerd Döring, Badische Zeitung


(…) Hochinteressant dirigiert Antonello Manacorda die verästelte Partitur: weder als Gefühlsüberschwang noch als markige „Filmmusik“. Vielmehr folgt er den feinen, ausdifferenzierten Linien, die er zu einem Meyerbeer-Bouquet von ganz eigenem Aroma bündelt. So kann Meyerbeer ruhig weiter im Kommen sein…

Karl Harb, www.sn.at (Salzburger Nachrichten)


(…) Statt am Kap der guten Hoffnung in fernen Galaxien: Tobias Kratzer hat in Frankfurt Giacomo Meyerbeers Seefahrer Vasco da Gama ins Weltall entsandt. Und die große Oper des Richard-Wagner-Rivalen um Liebesleid und Machterhalt ins Hier und Heute verlegt. Dabei konnte sich der Regisseur auf hochwertige Sänger-Darsteller verlassen, die auch seine köstlich angespitzten Revue-Dreingaben mittrugen.
In guten Händen bei Gastdirigent Antonello Manacorda war die Belcanto-getränkte, hochdramatische Musik, bei der das schlagkräftige Opern- und Museumsorchester die feinsten Exotismen der Partitur ausleuchtete. (…)

Klaus Ackermann, Offenbach-Post


(…) Musikalisch lässt der Abend keine Wünsche offen. Michael Spyres ist eine Paradebesetzung für die anspruchsvolle Partie des Vasco da Gama. Mit scheinbarer Leichtigkeit schraubt er sich in exorbitante Höhen, ohne dabei zu forcieren, und verfügt auch in der Mittellage über großes Volumen. In seiner großen Tenor-Arie im vierten Akt besingt er zwar das nicht das „schöne Paradies“, in dem er in Selikas Reich gelandet ist, sondern das „milde Klima“ und kann es mit sauber geführten lyrischen Bögen mit den zahlreichen CD-Aufnahmen namhafter Tenöre aufnehmen. Claudia Mahnke begeistert als Selika mit warm-timbriertem Mezzosopran, der in den Höhen über enorme Dramatik verfügt. Mit großer Intensität stellt sie die schwankenden Gefühle der fremden Prinzessin dar und rührt in ihrer großen Schlussszene mit emotionsgeladenem Gesang zu Tränen. Kirsten MacKinnon ist ihr als Rivalin Ines stimmlich in jeder Beziehung ebenbürtig. Auch sie begeistert mit großer Dramatik. Besonders das Duett der beiden Frauen, wenn Selika beschließt, den Liebenden ziehen zu lassen und selbst den Freitod zu wählen, wird von MacKinnon und Mahnke in bewegender Intensität präsentiert. Brian Mulligan stattet Selikas treuen Diener Nelusko mit markantem Bariton aus und macht die innere Zerrissenheit zwischen seiner treuen Ergebenheit zu Selika und dem Unverständnis für ihr Handeln darstellerisch absolut glaubhaft. In seinem muskelbepackten blauen Kostüm wirkt er ein wenig Furcht einflößend. Andreas Bauer hat zwar als unsympathischer Don Pedro eine relativ undankbare Rolle, stattet den fiesen Charakter jedoch mit einem großartig schwarzen Bass aus, der ihn noch gefühlskälter wirken lässt.
Magnús Baldvinsson überzeugt in den kleineren Rollen als Großinquisitor von Lissabon und Oberpriester des Brahma stimmlich genauso wie Thomas Faulkner als Ines’ Vater Don Diego, Michael McCown als Don Alvar und Bianca Andrew als Ines’ Vertraute Anna. Der von Tilman Michael einstudierte Chor präsentiert sich gemeinsam mit dem Extrachor stimmgewaltig und spielfreudig. Nur im dritten Akt gibt es leichte Unstimmigkeiten bei den Tempi. Ansonsten führt Antonello Manacorda das Frankfurter Opern- und Museumsorchester mit sicherer Hand durch den Abend und beschert dem Publikum einen großartigen Klang, der den Suchtfaktor nach Grand Opéra erhöht. (…)

Thomas Molke, www.omm.de