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Der Mieter

Arnulf Herrmann *1968

Oper,Text von Händl Klaus nach Motiven des Romans Le Locataire chimérique (1964) von Roland Topor
Auftragswerk der Oper Frankfurt

Mit Übertiteln in deutscher und englischer Sprache

Einführung jeweils eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn im Holzfoyer

Musikalische Leitung Kazushi ŌnoKarsten Januschke (24.11.2017)
Georg Björn Bürger
Johanna Anja Petersen
Herr Zenk Alfred Reiter
Frau Bach Hanna Schwarz
Frau Greiner Claudia Mahnke
Frau Dorn Judita Nagyová
Körner Michael Porter
Krell Theo Lebow
Ingo / Kellner Sebastian Geyer

Es herrscht Wohnungsnot. Georg ist deshalb froh, ein Zimmer gefunden zuhaben. Die Vormieterin hatte sich aus dem Fenster gestürzt. Schon bald nach Georgs Einzug beginnen die anderen Hausbewohner in sein Leben und seine Gewohnheiten einzugreifen. Anfangs sind es nur Beschwerden über angebliche Lärmbelästigungen. Dann soll sich Georg daran beteiligen, andere Mieter aus dem Haus zu vertreiben. All dies geschieht vor dem Hintergrund eines zunehmenden Klimas der Angst, Einschüchterung und — was am schwersten wiegt — der allmählichen Selbstbeschränkung sowie des vorauseilenden Gehorsams durch Georg selbst, nur um sein Zimmer nicht zu verlieren. Sein (Lebens-)Raum zieht sich buchstäblich zusammen. Letztlich bleibt aber unklar, ob die Bedrohung real ist, oder ob sie sich nur in seinem Kopf — gleich einer fortschreitenden Paranoia — einnistet. So treibt Georg auf den vollkommenen Verlust seiner Identität zu. Er entwickelt allmählich die Vorstellung, dass er dazu gezwungen wird, das gleiche Schicksal wie seine Vormieterin zu erleiden. Noch mehr: dass er mit der Person seiner Vormieterin verschmelzen soll. Dadurch verliert er nicht nur seine eigene Identität, sondern wird vom Mann zur Frau — und nimmt sich das Leben.

Arnulf Herrmanns Oper basiert auf Motiven des Romans Le Locataire chimérique von Roland Topor, der unter dem Titel The Tenant von Roman Polanski verfilmt wurde. Anders als Buchvorlage und Film konzentriert sich die Oper zentral auf die Frage der Anpassung unter einem äußeren Druck. Wie weit ist man bereit zu gehen? Dabei ist es letztlich zweitrangig, ob der äußere Druck in allen seinen Facetten real ausgeübt oder ob er ab einem gewissen Punkt nur noch als solcher empfunden wird. Was ist das Eigene? Was ist das Fremde? Und wie verhält sich die Behauptung persönlicher Freiheit, vor allem unter äußerem Druck und Abhängigkeit, dazu?

(…) Das ist keine Unterhaltung. Das ist eine Art von schleichender Folter. Aber es ist sehr, sehr gut.
(…)
Der Mieter ist ein abscheuliches, schmutziges, zermürbendes Stück. Sehen Sie es sich an, wenn Sie können.

Shirley Apthorp, Financial Times (Übersetzung: Oper Frankfurt)


(…) Der Roman Locataire chimérique (Der chimärische Mieter) des französischen Schriftstellers Roland Topor und dessen Verfilmung The Tenant von und mit Roland Polanski in der Hauptrolle bilden die Vorlage, oder besser gesagt das Material, aus welchem Händl Klaus das Libretto schrieb. Der österreichische Bachmannpreisträger Jahrgang 1969 ist zwischenzeitlich so etwas wie der Metastasio der zeitgenössischen Oper. Kein Wort zu viel, kein Satz zu lang, seine Sprach-Splitter besitzen an sich schon psychotische Wirkkraft.Händl und er kamen in einem sehr frühen Stadium der Entstehung zusammen, erzählt der Heidelberger Komponist Herrmann, Jahrgang 1968, in der Einführung zum Premierenabend. Auch der Regisseur Johannes Erath stieg bald in die kreative Denkarbeit mit ein. So entstand eine in der Musik wie Darstellung in sich stimmige Erstproduktion. Das gelingt nicht oft.
(…)
Mit dieser Uraufführung beweist Frankfurt eine in jeglicher Weise gelungene und in sich stimmige Gesamtleistung.

Christiane Franke, www.klassik.com
 

(…) wer zuvor Zweifel hegte, ob die Mittel der Bühne an die Suggestivität des Films und der Romanvorlage heranreichen könnten, dem blieb der Atem weg. (…)
(…)
(…) ein spannender Premierenabend, zu dem nicht zuletzt die herausragenden sängerischen Leistungen von Björn Bürger (Georg), Anja Petersen (Johanna), Hanna Schwarz (Frau Bach) und anderen beitrugen.

Julia Spinola, Süddeutsche Zeitung


(…) Wie das Libretto von Händl Klaus in ständiger Absprache mit Herrmann während des Komponierens entstanden ist, hat auch der Regisseur Johannes Erath die Produktion im Werden begleitet. Dementsprechend tief geht seine Interpretation, die sich nicht darauf beschränkt, surreale Bilder nach Buñuel-, Magritte- oder Dalí-Mustern zu variieren. Analog zur Musik überreizt auch die Regie gerne die Wahrnehmung, wenn sie das Bühnenbild ins Vertikale kippt, um auch noch gegen die Gesetze der Schwerkraft anzukämpfen. Georg und sein Zimmer fallen endlich aus der Zeit, nicht jedoch aus dem Gedächtnis. Die Frankfurter Oper hat eine bezwingende Uraufführung im Repertoire.

Mirko Weber, Die Zeit


(…) Zu Beginn, wenn Georg das erste Mal die Wohnung sieht und mit Johannas Schicksal konfrontiert wird, scheinen die musikalischen Gestalten noch ganz klar zu sein. Im manisch vorantreibenden rhythmischen Puls dieser Musik prägen sie sich als repetitive Patterns ein, die sich geradezu ins Ohr bohren. Doch je weiter [der Komponist Arnulf] Herrmann und [sein Librettist] Händl Klaus diesen Totentanz im Dreier-Takt vorantreiben, desto mehr werden diese Gestalten verbogen, ornamental erweitert, mikrotonal umkoloriert, rhythmisch verschoben und damit synkopiert, komplex übereinandergeschichtet. Man fühlt sich einem immer monströser sich verästelnden Klangkosmos ausgesetzt, durchtönt von tiefschwarzen „Dies-irae“-Anklängen und von allerhand Geräuschen, abgeleitet aus den Motiven der Vorlage. Ebenso wie die Hauptfigur verliert auch der Hörer die Sicherheit klarer Identitäten. Die Musik wölbt sich auf zu einem Labyrinth von kafkaesker Verschlungenheit, in der sich Georgs Verwandlung zwanghaft vollzieht. Sie untermalt die Handlung nicht, sie ist die Handlung.
Für diesen Prozess haben der Regisseur Johannes Erath, der Bühnenbildner Kaspar Glarner, die Kostümbildnerin Katharina Tasch und vor allem auch die Videokünstlerin Bibi Abel – sie waren ebenso wie Händl Klaus frühzeitig in den Entstehungsprozess der Oper einbezogen – einen kongenialen Bildkosmos ersonnen. (…)
Dieser (…) folgt in seinen fließenden Verwandlungen und verschachtelten Ebenen auf faszinierende Weise den Prozessen der Musik. Ich habe es wirklich selten erlebt, dass Klang, Szene und Video so ineinandergreifen. (…)
Der japanische Dirigent Kazushi Ōno, der in Europa vor allem als Generalmusikdirektor der Opéra de Lyon von 2008 bis 2017 auf sich aufmerksam machte, erweist sich als hochkompetenter Anwalt von Herrmanns vielschichtiger Partitur, deren Klänge er mit großer Souveränität und viel Feeling für Effekte ausbalanciert. Sowohl das Opernorchester wie auch der hinreißend virtuose, von Walter Zeh einstudierte Philharmonia Chor Wien leisten unter seiner Leitung Maßstäbliches. Björn Bürger gibt der außerordentlich virtuos komponierten Bariton-Partie des Georg mit ihren bizarren Registerwechseln markantes Profil: klangvoll klar im Timbre, rhythmisch impulsiv, trittsicher in den allfälligen Intervallsprüngen. Spektakulärer noch hat Herrmann die Partie der Johanna gestaltet: Er hat ihr drei „Gesänge“ geschrieben, die als „Drei Gesänge am offenen Fenster“ bereits 2014 bei der musica viva in München uraufgeführt wurden. Sie geben gleichsam musikalische Einblicke in Johannas zerrissene Seele, bevor sie aus dem Fenster springt, und verlangen der Sängerin Anja Petersen extremste Intervallsprünge und absolut sichere Intonation in höchsten Stratosphärenregionen ab. Bei der Premiere (…) sang Anja Petersen die Partie mit einer betörenden, geradezu ätherischen Leichtigkeit, Reinheit und Intonationssicherheit. Alfred Reiter gibt den Vermieter Zenk mit bassschwarzer Kraft, als Georgs Freunde Körner und Krell interagieren die beiden Tenöre Michael Porter und Theo Lebow mit buffonesker Agilität, und in der kleinen Rolle der Concierge Frau Bach erlebt man die große Hanna Schwarz, als Bayreuther Fricka unerreicht.
Diese Uraufführung setzte hohe Maßstäbe und riss den bei weitem größten Teil des Publikums zu großer Begeisterung hin. Hoffentlich wird diese auch von Intendanten anderer Häuser geteilt. Denn es wäre schon spannend zu erleben, welche weiteren Interpretationsdimensionen in diesem Werk zu entdecken sind.

Detlef Brandenburg, www.die-deutsche-buehne.de


(…) Die Musik hat einen einlullenden Sog, intensiv, bedrohlich, filigran. Fordernd, aber auch witzig.
Die Inszenierung von Johannes Erath im grandiosen Bühnenbild von Kaspar Glarner, angereichert mit stimmigen Videobildern von Bibi Abel, ist kongenial verstörend, immer im Fluss, voll magischer Bilder. Das Grauen wird hier sehr kunstvoll zelebriert. Ein stimmiges Gesamtkunstwerk.

Wertung: SEHR GUT

Josef Becker, Bild Frankfurt


(…) Die Glasgeräusche – Ritzen, Schaben, leislautes Zersplittern, in der Frankfurter Oper herumgereicht über vierzig im Raum verteilte Lautsprecher – grundieren Herrmanns anschwellende, bläserlastige und perkussive Partitur. Gleich ihrem Erfinder, der physiognomisch wenig mit einem anämischen Komponistentypus zu tun hat – Herrmann könnte vom Äußeren her auch Fußballtrainer sein –, hat sie auf kunstvolle Weise etwas Sportives, ohne je angestrengt zu wirken. In Klein- und Kleinstschritten, mikrotonal, kreist sie um ihre Themen: Liveelektronik und Klangkörper, das Frankfurter Opern- und Museumsorchester unter Kazushi Ōno, ergänzen sich als Spielmacher. Eine Aufführung aus einem Guss. Kleines Wunder bei dem Thema.
(…)
Der am Werden der Komposition beteiligte Regisseur Johannes Erath entwirft bereits mit seinem filmischen Intro eine hypersurreale Szenerie, die auch dann nichts von ihrem Flair verliert, wenn auf der Bühne gespielt wird. (…)
(…) Hinter dieser Uraufführung stand offensichtlich der ganze Apparat der Oper Frankfurt mit Begeisterung. So etwas ist ansteckend. Wer Oper nicht nur anders, sondern ungewohnt ganz anders haben will: Here we go!

Mirko Weber, Stuttgarter Zeitung


(…) Dem Team Johannes Erath, Bühnenbildner Kaspar Glarner und vor allem der Video-Künstlerin Bibi Abel ist da ein faszinierendes Vexierspiel von Realem und Surrealem geglückt. Das gipfelt im 3. Akt in der scheinbaren Aufhebung der Schwerkraft: der Zimmerboden schwenkt in die Senkrechte und geradezu luftakrobatisch – im sichernden Seilgeschirr hängend – geht, sitzt und fällt Georg auf dieser Senkrechten, während ihn Johanna auf dem Bühnenboden liegend erwartet. Wiederum in einem genau zur Musik getimten Video betritt Georg dann seinen Balkon und springt schließlich als Schatten auf den Balkonmauern in die Tiefe. (…)

Wolf-Dieter Peter, www.nmz.de (neue musikzeitung)


(…) Es dominieren männliche Stimmen, wobei Björn Bürger als Mieter Georg vokal und akrobatisch viel abverlangt wird. Bewundernswert hält die Stimme alle Extreme durch, bewundernswert auch die als Alter Ego gegen Ende mehr ins Spiel geratende Sopranistin Anja Petersen mit sphärischen Klangbewegungen. Viele kleinere Rollen sind trefflich besetzt. Besonders nachdrücklich die Leistung des Philharmonia Chors Wien sowohl stimmlich als auch in seinen stilisierten Bewegungszügen (Leitung Walter Zeh). Kazushi Ōno dirigierte das selten solch düstere und brachiale Schallemissionen ausstrahlende und dabei doch beste Figur machende Opern- und Museumsorchester. Zwei dichte, pausenlos gespielte Stunden.

Bernhard Uske, Frankfurter Rundschau


(…) Typengenau besetzt sind die üblen Nachbarn wie der Kellner Ingo (Sebastian Geyer), die Haushälterin Frau Bach (eine Wiederbegegnung mit dem einstigen Bayreuth-Star Hanna Schwarz) oder Frau Greiner (Claudia Mahnke), die ebenso den Schikanen der Nachbarn ausgesetzt ist. Doch einer überragt sie alle: Als psychisch malträtierter Titelheld ist (…) Jungstar Björn Bürger auch körperlich hart gefordert. Wenn ihm buchstäblich der Boden unter den Füßen wegbricht, hängt der lyrisch wie auch dramatisch auftrumpfende, wohltönende Bariton minutenlang in den Seilen. In der Oper Frankfurt erlebt er eine Verwandlung, die Franz Kafka zur Ehre gereicht hätte. Und die zwei Stunden lang in Atem hält.

Klaus Ackermann, Hanauer Anzeiger 


(…) Der abgründig tiefe Bass von Alfred Reiter in der Rolle des Herrn Zenk ist eine Klasse für sich und Claudia Mahnke als Frau Greiner erste Wahl. (…)

Manfred Merz, Gießener Allgemeine Zeitung


(…) Die stärkste Wirkung aber geht von den suggestiven Bildern aus, die Kaspar Glarner (Bühne), Katharina Tasch (Kostüme), Joachim Klein (Licht) und Bibi Abel (Video) finden. Durchsichtige Vorhänge und Projektionen verwischen die Grenzen zwischen Realität und Traum, Gegenwart und Vergangenheit, Zustand und Bewegung. Am stärksten das Bild im „Nachbarn“ genannten Zentrum: Hunderte von bewegten Augen starren das Publikum an, während im Hintergrund Georg mit seinen Irritationen hantiert. Hier wandelt sich äußere Handlung in innere Befindlichkeit, die Seele liegt offen, Georg stülpt sich, nicht nur in Form des Kleides, sondern in Imaginationen die Figur Johannas über, oder verleibt sie sich ein. Ein magischer Moment!
(…) Großer Beifall für eine enorme Ensembleleistung.

Andreas Bomba, Frankfurter Neue Presse


(…) Das Hyperventilieren des grauenvoll seelisch geplagten Helden wurde wohl noch nie so zwingend von einem Komponisten dargestellt. Das Tropfen von Wasser – elektronisch durch den Raum gejagt – wirkt zugleich wie das Klopfen der fiesen Nachbarn, das in irrwitzige Paukenwirbel mündet.
Doch es gibt auch weniger harte Klangmomente, etwa wenn der ungemein elastische Philharmonia Chor Wien beim Mieter eine Party feiert und dabei phasenweise an Carl Orffs rhythmisch einprägsamen Sprechgesang erinnert.
Oder in den drei Gesängen jener Vormieterin Johanna, jeweils an dramaturgisch zentraler Stelle, die der fabelhafte Sopran von Anja Petersen intensiv durchwirkt. Mal ist das lyrisch lockend, mal regelrecht giftig, aber immer von eindringlicher stimmlicher Präsenz. (…)

Klaus Ackermann, Offenbach-Post


(…) Arnulf Herrmann hat in der zentralen Szene seiner zweiten Oper Der Mieter Klänge gleichsam unter ein Mikroskop gelegt: Ein Glasdach zerbricht in Zeitlupe, Riss für Riss, und die Zuhörer, die sehen, wie der einsame Held des Stücks auf der Bühne verzweifelt vom Fenster seiner Wohnung aus zum Todessprung auf die Veranda ansetzt, fühlen sich, rundum beschallt von Lautsprechern, als seien sie eben erst durch die Luft geflogen, lägen nun selbst mitten auf dem zersplitternden Glas, und gleich werden sie fallen, ganz tief.
Das ist einer der Momente dieser denkwürdigen Opernuraufführung, die man nicht vergessen wird. Es gibt noch etliche weitere davon in diesem Stück, das der 49-jährige gebürtige Heidelberger, der heute als Professor für Komposition in Saarbrücken lehrt, gemeinsam mit dem Österreicher Händl Klaus über Motive aus Roland Topors Roman Der Mieter (und aus dessen Verfilmung durch Roman Polanski) schrieb, und so verlässt man das Frankfurter Opernhaus nach zwei mit Klängen wie mit Bildern prall gefüllten Stunden am Sonntagabend mit der Gewissheit, etwas ganz Besonderes erlebt zu haben.
(…) Der Mieter ist ein exzellent gemachter, packender Opern-Horrorthriller. Hingehen, unbedingt!

Susanne Benda, Stuttgarter Nachrichten